Einführung
Titelverzeichnis
Über die Serie
Die Villa
Umschlagbilder Schütz
Umschlagbilder Vogler
Bezugsquelle und Verlag



1.      Wie es begann

Im Herbst 1928 verlegten zwei Männer aus New York ihren Wohnsitz nach Berlin, wo sie in der am idyllischen Halensee nahe dem Grunewald gelegenen Wallotstraße ein gemütliches Domizil fanden. Ihre Namen waren Tom Shark, ein Privatdetektiv, und Dr. Pitt Strong, ein Journalist. Letzterer hatte es sich wie weiland Dr. Watson zur Aufgabe gemacht, die durchwegs ziemlich gefährlichen Abenteuer seines Freundes zu beschreiben und sie damit der Öffentlichkeit, hauptsächlich jedoch Generationen lesehungriger Schuljungen, zugänglich zu machen. Hefte im Kleinformat mit bunten Umschlägen und dem Serientitel „Tom Shark, der König der Detektive“ waren hinfort aus den Zeitungskiosken und aus den Auslagen der Schreibwarengeschäfte nicht mehr wegzudenken. Wer war eigentlich Tom Shark? Das Verlagshaus Freya aus Heidenau bei Dresden, in dem die Hefte erschienen, sah sich noch vor 1933 zu einem Hinweis veranlaßt, mit dem der Verlag die Leser hierüber aufklärte:

„Wer ist Tom Shark? Nur wenige unser Leser kennen diesen kühnen Mann, kennen ihn nur aus kurzen Notizen der amerikanischen Presse, die schon seit Jahren von seinen kühnen, oft fast unglaublich anmutenden Heldentaten zu berichten weiß.

Tom Shark, der unübertroffene Meisterdetektiv, ist nun endlich heimgekehrt! Heimgekehrt? Ja, heimgekehrt nach Deutschland, denn in Deutschland wurde er geboren, das Blut einer deutschen Mutter fließt in seinen Adern. Tom Shark befindet sich also augenblicklich in Berlin, der Heimatstadt seiner Mutter, wo er auch einen Teil seiner Jugendjahre verbrachte. Mit ihm kam sein unzertrennlicher Freund und Gehilfe Dr. Pitt Strong, der uns die Abenteuer Tom Sharks in seiner bekannten, fesselnden Weise schildern wird.“

Shark und Strong, die beiden Deutschamerikaner also, wurden bei ihrer Ankunft in Berlin gebührend empfangen, denn der Amerikanische Klub gab ihnen zu Ehren im Hotel Kaiserhof einen Empfang, und von diesem Luxushotel aus, in dem ein gewisser, auf Abenteuer anderer Art erpichter, gebürtiger Österreicher später zu logieren pflegte, vom Kaiserhof aus nahm  dann das erste Abenteuer Tom Sharks auf deutschem Boden seinen Ausgang. Es erhielt den Titel „Das Hotelgespenst“.

Viele weitere Abenteuer folgten, und im Herbst 1939, als der Krieg allen derartigen Publikationen wegen der englischen Namen der Protagonisten ein Ende setzte, hatte man die Nummer 553 erreicht.

Doch zunächst zurück ins Jahr 1928. Eigentlich war es eine stille, ruhige und vornehme Gegend, in der sich die beiden Männer niedergelassen hatten. Die Wallotstraße, eine kleine und gewundene Seitenstraße der Königsallee, mit stattlichen Alleebäumen und einer Reihe gepflegter Villen, lud zu einer beschaulichen Gestaltung des Alltags ein. Das Sharksche Anwesens schien dieser Voraussetzung in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Hinter dem eisernen Gittertor ein hübscher Vorgarten mit schmucken Rosenbeeten, auf der Rückseite des Hauses ein Gemüsegarten, dazu ein Hühnerstall, Kastanienbäume, eine verschwiegene Laube, die Veranda vor dem Eßzimmer, alles deutete darauf hin, daß es sich bei den Bewohnern um gut situierte Bürger handelte, die keinen Anlaß hatten, sich vor den Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit jener Jahre zu fürchten. Ähnliches im Innern des Hauses: im Erdgeschoß das Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Blüthner-Flügel, Kamin und Smyrna-Teppichen, daneben das Eßzimmer mit einer Standuhr und dem Ölbild einer Rokokodame, eine Küche, in der Bill, der aus Amerika nach Deutschland mitgebrachte Diener, sein Reich hatte, im Obergeschoß die Schlaf- und Gästezimmer. Dort aber auch ein Trainingsraum, in dem hauptsächlich Boxhandschuhe und Florett ihren Einsatz fanden, daneben ein Labor, in dem man sowohl chemische Experimente durchführen wie auch Fingerabdrücke durch das Mikroskop untersuchen konnte, dazu noch ein Umkleideraum, so eine Art Künstlergarderobe mit großen Spiegeln und Schränken voller Masken. Diese drei Räume ließen darauf schließen, daß die Bewohner des Hauses nicht nur den normalen bürgerlichen Tätigkeiten nachgingen. Das bestätigte sich noch mehr, wenn man wußte, daß vom Keller des Hauses aus ein Geheimgang zu einem brach liegenden Baugrundstück führte, von wo aus man unbemerkt durch ein Birkenwäldchen zur Königsallee gelangen konnte. Aber dann wieder die bieder-bürgerlichen Gewohnheiten der beiden Männer: ägyptische Zigaretten der Marke Al-Kam, Asbach-Uralt als bevorzugtes Getränk, Knödel mit Schmorbraten als Leibgericht, ein Acht-Röhren-Radioapparat mit Konzerten aus London und Warschau, beide begeisterte Anhänger der Musik von Richard Strauß und Richard Wagner, Shark selbst ein virtuoser Pianist, beim Ausgehen bevorzugte man Weinhäuser wie das von Lutter und Wegener oder das Bierhaus Siechen mit seinem süffigen Doppelspaten, nichts also, was die beiden aus dem Durchschnitt der gebildeten Berliner Gesellschaft heraushob.

In diesem Sinne erfolgte im Frühjahr 1929 eine Huldigung der beiden Männer durch den Freya-Verlag. Vollmundig verkündete man in Inseraten unter anderem:

„Es ist an der Zeit, daß auch bei uns weitesten Kreisen Gelegenheit geboten wird, näher bekannt zu werden mit dem ersten Detektiv des Erdballs. Was Tom Shark vor allem von der Mehrzahl seiner Kollegen so angenehm unterscheidet: sein großes, schönes Menschentum! Er ist kein kalter, berechnender Kriminalist, sondern ein warmherziger, mitfühlender Mensch, der das Herz auf dem rechten Flecke hat! Ein sonniger Humor ist ihm eigen, eine unerhörte Tatkraft und eine eiserne, sportlich gestählte Natur.

Eine Stunde der Erholung, des gedanklichen Ausschweifens in eine andere Welt nach Tages Last und Mühe werden uns diese Bände geben. Verehren und lieben werden wir diesen Helden und von seinen neuen Erlebnissen zu hören, wird bald das Bedürfnis breitester Volksschichten werden, zumal die meisterhafte Schilderungsgabe Dr. Pitt Strongs auch den literarisch Verwöhnten bestimmt befriedigt. In rascher Folge lassen wir die Abenteuer Tom Sharks erscheinen. Jeder Band mit packendem Umschlagbild ist in sich abgeschlossen und jeder einzelne dieser Bände wird Zeugnis ablegen davon, daß Shark seinen Ehrentitel ‚Der König der Detektive’ nicht zu Unrecht trägt!“

Und dann noch der Zusatz:

„Wir sind überzeugt, mit dieser neuen Sammlung etwas ganz Besonderes, noch nicht Dagewesenes zu bringen, denn Tom Shark ist keine der üblichen Roman-Detektivgestalten. Tom Shark lebt! - - Wer auch nur eines seiner Abenteuer gelesen hat, wird bald erkennen, daß seine Gestalt nicht am Schreibtisch ersonnen, daß er Fleisch und Blut ist, von pulsierendem Leben erfüllt.“

Soweit also die überschwengliche Eloge des Verlages auf seinen Serienhelden. Sie schien ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn die Heftromane der Shark-Serie fanden reißend Absatz und die stille, schmale Wallotstraße wurde in der Folge zum Wallfahrtsort von neugierigen und mitunter aufdringlichen Shark-Enthusiasten. Die Anwohner dürften sich deshalb massiv über Belästigungen beklagt haben, weshalb in Band 78 stand, daß die Shark-Behausung in Wirklichkeit gar nicht in der Wallotstraße zu suchen sei. Aber wenn der Verlag es wagen würde, den wahren Aufenthaltsort des „Königs der Detektive“ zu nennen, wäre sicherlich eine Völkerwanderung der Leser wie zur „Villa Old Shatterhand“ in Dresden die Folge, und für Tom Shark wäre eine effektive Verbrecherbekämpfung nicht mehr möglich.

Wie sahen nun die Abenteuer aus, die der Meisterdetektiv und sein Adlatus zu bestehen hatten? Da war dann jeglicher Ansatz spießbürgerlicher Bequemlichkeit wie weggewischt, sieht man von der behaglichen Atmosphäre ihres opulenten Frühstücks ab, aus der die beiden Detektive aber häufig herausgerissen wurden, weil der Postbote ihnen Briefe mit oft recht mysteriösen Aufträgen neuer Klienten zustellte.

In Band 1 müssen sie eine Serie von Hoteldiebstählen aufklären, wobei sie mit präparierten Zigaretten betäubt und auf eine Stahlschiene gebunden werden, die mit einer Zeitschaltuhr verbunden ist, welche die Schiene unter Starkstrom setzt. James Bond läßt grüßen! Typisch für das Genre ist überhaupt die stete Wiederholung von Gefahrsituationen, aus denen sich die Protagonisten dank ihrer Cleverneß und Geschicklichkeit wie selbstverständlich befreien können, um am Ende der gerechten Sache zum Sieg zu verhelfen. Im zweiten Band „Das Geheimnis der Jagowstraße“ suchen sie nach dem verschwundenen Sohn einer Geheimrätin, der in der Nachbarvilla seltsame Vorgänge beobachtet hat und daraufhin entführt wird. Des Rätsels Lösung: In der Nachbarvilla hat sich der amerikanische Gangster Buster Malcolm sein Hauptquartier eingerichtet, und es geht natürlich nicht ohne Gefahr für Leib und Leben ab, ehe Tom Shark ihn dingfest machen kann. In diesem Heft tritt erstmals Kommissar Wendler vom Berliner Polizeipräsidium, dem Roten Alex, in Erscheinung, eine Figur, die Inspektor Lestrade aus den Sherlock-Holmes Geschichten entspricht, wie überhaupt die Shark-Serie hinsichtlich ihrer Grundstruktur viel Ähnlichkeiten mit dem englischen Vorbild aufweist. Band 3 „Dämon Weib“ ist eine Art Fortsetzung von Band 2. Dabei stürzt der Gangster Malcolm zum Schluß, als er auf einem Kran im Hamburger Hafen mit Tom Shark ringt, in die tödliche Tiefe. Nebenbei: Sherlock Holmes raufte mit seinem Widersacher Professor Moriarty an den Reichenbachfällen, wo beiden dieses Schicksal widerfuhr, Holmes aber nach den Protesten aus der Leserschaft, die mit seinem Tod nicht einverstanden waren, eine wunderbare Auferstehung erlebte. In Band 4 schließlich geht es um einen Spielclub und sieben Morden, die damit in einem Zusammenhang stehen. Daß die beiden Detektive vor einem sich nahenden Zug gefesselt auf Schienen gelegt und gerade noch im letzten Augenblick vor einem entsetzlichen Tod gerettet werden, ist für die Serie typisch. Sie geraten in eine Falle, sehen dem Tod ins Antlitz, können sich aber selbst befreien oder ihr treuer Diener erscheint in allerletzter Sekunde.

So geht es nun über elf Jahre weiter – halt, nicht über elf Jahre, denn nach etwas mehr als vier Jahren, also nach circa zweihundertunddreißig Heften, verändert sich einiges. Da endet nämlich die Weimarer Republik, und ein neues Regime tritt die Herrschaft an, das eine andere Vorstellung davon hat, was im Deutschen Reich sein darf und was nicht. Zunächst muß das, was deutsche Bürger zu lesen bekommen, einer genauen Kontrolle unterzogen werden. Dafür gibt es die Reichskulturkammer, und jedes Verlagsprodukt muß, ehe es erscheint, dieser Behörde zur Zensur vorgelegt werden. Im Falle der Shark-Hefte ergeben sich gewisse positive Auswirkungen, auch wenn alte Shark-Enthusiasten der Meinung sind, daß der echte Tom Shark damit zu Grabe getragen wurde. Jedenfalls ist es auffällig, daß von diesem Zeitpunkt an die Shark-Hefte mehr und mehr zu traditionellen Detektivgeschichten mit deutlich weniger Action und noch weniger Gewaltszenen werden. Außerdem kann man feststellen, daß die Lektoren nun anfangen, ihr Handwerk ernst zu nehmen. Um der Gefahr eines absoluten Verbots zu entgehen, werden nun Stil, Rechtschreibung und Zeichensetzung einer genaueren Prüfung unterzogen, so daß die jugendlichen Leseratten die Geschichten aus der Feder von Pitt Strong schmökern dürfen, ohne Gefahr zu laufen, dadurch nicht nur moralisch, sondern auch hinsichtlich ihrer Beherrschung der deutschen Sprache verdorben zu werden.

Leider bleibt es aber nicht bei diesen durchaus akzeptablen Veränderungen. Weitere zwei Jahre später vertritt man nämlich die Ansicht, daß in der deutschen Reichshauptstadt überhaupt keine Verbrechen geschehen, daß es also nicht gestattet sei, derartiges zu behaupten. Somit darf Tom Shark zwar noch in Berlin leben und dort Aufträge entgegennehmen, aber die Verbrecher sitzen jetzt in Kopenhagen, Paris oder London, wohin die beiden dann reisen müssen, um im Ausland selbstverständlich ebenso erfolgreich zu sein wie zu Hause. Wieder zwei Jahr später ist das Deutsche Reich dann völlig frei von Verbrechen jeglicher Art. Was bleibt Tom Shark und Pitt Strong anderes übrig, als ihre Tätigkeit in die Fremde und nach Übersee zu verlegen. Nun bekämpft man das Gangstertum an der Copacabana oder in Singapur. Im Herbst 1939, als der zweite Weltkrieg ausbricht, müssen sie schließlich auch noch ihre Namen ändern. Menschen mit englischem Namen können das Deutsche Reich, wie jeder einsehen wird, im neutralen Ausland nicht würdig genug vertreten. Tom Shark muß sich jetzt Wolf Greif nennen (Greif hieß früher ihr Deutscher Schäferhund), und Pitt Strong bekommt den Namen Peter Strunz, selbst der Diener Bill, ein Mulatte übrigens, wird eingedeutscht und in Karl Maschke umgetauft. Aber auch das hilft ihnen und damit dem Freya-Verlag wenig, denn weitere 61 Hefte oder weniger als zwei Jahre später werden sie endgültig liquidiert, da bis zum Ende des Tausendjährigen Reiches nur noch Heftchenserien der Partei verlegt werden dürfen; das geschehe wegen der Papierverknappung, heißt es offiziell.

2.     Elisabeth von Aspern

Nachdem wir also über die Detektive hinreichend unterrichtet sind, wollen wir uns einer noch offenen Frage zuwenden. Wer steckt hinter dem Pseudonym Pitt Strong, denn es ist offensichtlich, daß es sich um ein Pseudonym handelt? Während heute der Detektivroman eine Domäne weiblicher Autorinnen ist - man denke an Elisabeth George, Ruth Rendell, Minette Walters, Margaret Miller, Ingrid Noll, Donna Leon, um nur einige zu nennen - war das vor siebzig Jahren anders. Da waren Agatha Christie und Dorothy Sayers als weibliche Autorinnen umgeben von einer zahlenmäßig überlegenen Riege männlicher Schriftsteller. Namen wie Ellery Queen, Earl Stanley Gardner, Dashiell Hammett und Raymond Chandler beherrschten die Szene. Bei den Heftromanen, dem kleinen Bruder der gehobenen Unterhaltungsliteratur, war das nicht anders. Egal, ob es sich um die Kriminal-Serien John Kling, Harald Harst, Frank Alan oder um die ersten Bände von Robby Ix handelte, überall waren männliche Schriftsteller am Werk. Auf dem Sektor der in fernen Ländern spielenden, bei der Jugend daher äußerst beliebten Abenteuerhefte galten Rolf Torrings und Jörn Farrows Abenteuer als die klaren Favoriten. Autoren waren hier die Gebrüder Wilhelm und Hans Reinhard. Die Männer beherrschten also nicht nur in Gestalt der fiktiven Helden die Heftromane, sondern auch als deren geistige Erzeuger. Um so mehr verwundert es, daß sich ausgerechnet hinter Pitt Strong eine Frau verbirgt: Die 1928 gerade 23 Jahre junge, attraktive, sprachgewandte, engagierte und gebildete Elisabeth von Aspern. Sie stammte aus Röttis bei Plauen. Daß sie eine erstaunlich schöpferische Schriftstellerin wurde und nicht nur mehr als 500 Hefte der Shark-Serie schrieb, sondern noch diverse andere Verlagsprodukte verfaßte, verdankte sie einer Wette.

„Ich habe Ihnen wohl schon einmal mitgeteilt“, schilderte sie dies in einem Brief an den bekannten Shark-Forscher Werner Schmidtke aus Berlin, „daß ich Musik stu­dierte. Dabei kam ich auch mit den verschiedensten Künstlerkreisen zusam­men. Ich ärgerte mich vor allen Dingen über die sogenannten Schriftsteller, die so viel angaben und doch noch niemals eine ihrer Arbeiten an den Mann gebracht hatten. Bei einem solchen Zusammensein kam es zu kleinen Strei­tigkeiten, indem ich diesen Leutchen frei meine Meinung darüber sagte, daß sie lediglich großsprecherisch und faul seien. Es entstand ein kleiner Tumult und ich bekam zur Antwort, daß ich es doch besser machen sollte. Der lan­gen Rede kurzer Sinn: Es endete mit einer Wette! Ich behauptete nämlich, daß ich es fertigbringen würde, binnen einer Woche einige Kurzgeschichten zu schreiben und auch unterzubringen. Das ist mir dann tatsächlich gelungen, denn kurz vor Ende dieser Frist hatte ich drei Kurzgeschichten geschrieben und wanderte persönlich damit zu einem Dresdener Verlag. Natürlich ver­sprach man mir, die Sachen zu lesen. In Anbetracht der ablaufenden Zeit er­reichte ich es, daß der betreffende Verlagsdirektor mir amüsiert zu Hilfe kam und versprach, meine Geschichten als Abend­lektüre zu lesen, damit er mir schon am näch­sten Tag telephonisch Bescheid sagen könne. Das mutet sicher etwas märchenhaft an, aber es hat sich tatsächlich so zugetragen. Der Ver­leger rief mich auch am nächsten Tage an, bestellte mich zu sich und erklärte mir, daß er meine Kurzgeschichten gut gebrauchen könne und zahlte mir - nach meiner Erinnerung ­- achtzig Mark dafür. Am Tage des Ablaufs die­ser Wette erschien ich im Künstlerkreis mit meinem Erfolgsbericht und zwei Flaschen Sekt!“

Elisabeth von Asperns äußerst fruchtbarer Tätigkeit an der Vorkriegs­-Shark-Serie endete also trotz des großen Erfolges im Kriegsjahr 1941. Acht Jahre später, ein Jahr nach der Währungsreform, tauchten erneut druckfrische Shark-Hefte an den westdeutschen Kiosken auf, herausgegeben von Verlagen, die in Augsburg, Dillingen und München angesiedelt waren. Es handelte sich zunächst um Nachdrucke von Vorkriegstexten, wobei der Handlungsort wieder Berlin war. Später schrieb Elisabeth von Aspern neue Geschichten und ließ Shark, Strong, Bill und Wendler nach Hamburg übersiedeln, doch auch diese Episode war von relativ kurzer Dauer, denn als zu Beginn der fünfziger Jahre ein verschärftes Jugendschutzgesetz in Kraft trat, resignierte man und hielt es nun für opportun, die Serie endgültig zu Grabe zu tragen. Frau von Aspern heiratete 1952 einen Physiker und wanderte mit ihm nach Kanada aus.

 3.     Ein neuer Pitt Strong

Tom Shark war also tot? Was die größten Verbrecher auf der Welt und die Reichskulturkammer gemeinsam nicht geschafft hatten, sollte den Moralaposteln der ersten Nachkriegsjahre gelungen sein? Nein, denn man hatte die Rechnung ohne jene gemacht, die als Lausbuben die Abenteuer ihrer Helden allen Drohungen der gestrengen Lehrer zum Trotz unter der Schulbank verschlungen hatten und die jetzt, von nostalgischen Gefühlen beseelt, ihre Jugendzeit zurücksehnten. Mit nie erlahmender Begeisterung und mit viel Einsatz sammelten sie die Heftromane, die einigermaßen heil den Krieg überstanden hatten. Dann begann die Zeit der Nachdrucke, erst als Raubdrucke, später genehmigt, und schließlich fingen einige der Sammler an, neue Texte zu schreiben. Parallel dazu interessierte man sich für die Geschichte der Heftromane und für die Biographien der Autoren, und insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren erschien eine ganze Flut von Sekundärliteratur zu diesem Thema in diversen Büchern und Magazinen. Was die Erforschung der Shark-Serie anbelangt, sind zwei Veröffentlichungen von besonderer Bedeutung: einmal das Buch „Tom Shark, ein Held aus Berlin“ von Werner G. Schmidtke, verfaßt 1987, sodann ein Artikel des Studienrats Heinrich Küster aus dem Jahre 1984 „Das verräterische R“, in dem dieser mit zwingender Logik nachweist, daß ein Teil der Shark-Hefte aus der Feder des Farrow-Autors Hans Reinhard stammt.

Es gab aber auch, wie zuvor erwähnt, neu verfaßte Primärliteratur. Im Verlag von Karl Ganzbiller in Wilfersdorf/Österreich erschienen bis zum Beginn der neunziger Jahre insgesamt 26 Fortsetzungen der Vorkriegs-Sharks, geschrieben von engagierten Hobby-Autoren von unterschiedlichster Couleur. Sie nutzten die Gelegenheit, selbst schriftstellerisch tätig sein zu dürfen und ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Lange hielt man das jedoch nicht durch, denn nach wenigen Versuchen strich jeder dieser Shark-Schriftsteller die Segel und überließ die eigenen Texte einem relativ kleinen Leserkreis. Erst ein im Jahre 1997 auf den Plan getretener Aspern-Epigone entwickelte ein größeres Durchhaltevermögen und ist noch heute nach 51 (Stand 1. Januar 2005) verfaßten Heftromanen voll im Geschäft.

Ursache war das 1992 von ihm im „Briefmarken-Spiegel“, einer einschlägigen Fachzeitschrift, unter der Rubrik „Sonstiges“ entdeckte Inserat: „Rolf Torring, Tom Shark, John Kling und ähnliche Heftromane im alten Stil bietet Alfred Lenz, Ratingen, Am Geist 14“. Sein Interesse wurde geweckt und nostalgische Gefühle stellten sich ein. Er erinnerte sich lebhaft daran, wie er fast fünfzig Jahre zuvor mit seinen Freunden, von denen etliche längst unter der Erde liegen, in einem alten, verträumten Städtchen am Main zerfledderte Romanhefte schmökerte, während um sie herum der Krieg tobte und eine deutsche Stadt nach der anderen in Schutt und Asche fiel. In ihrer Phantasie und in ihren Spielen waren sie indes dieser traurigen Wirklichkeit entflohen und lebten in einer Welt der Phantasie, die nicht nur schöner und interessanter war, sondern in der es auch gerechter zuging, weil das Böse am Ende stets eine Niederlage einstecken mußte. Anregung und Anleitung zugleich waren jene, bei Lehrern und Eltern höchst verpönten Heftromane, die, weil man sie nicht mehr am Zeitungskiosk oder im Buchladen kaufen konnte, für diese Buben zu geliebten und begehrten Wertobjekten wurden. Entdeckte jemand aus ihrem Kreis irgendwo in einer Bodenkammer oder in einer alten Truhe einen bis dato nicht bekannten Schmöker, dann war das für sie eine ähnliche Sensation wie für die Archäologen das Aufspüren der verschollenen Grabkammer eines Pharaos.

Der neue Pitt Strong in spe ließ sich, als er das Inserat gelesen hatte, die Gelegenheit nicht entgehen, bestellte fleißig die am Anfang weniger, später gut gelungenen Nachdrucke der Vorkriegshefte und war bestrebt, sich in seine Jugendzeit zurückzuträumen. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß, denn das war mit den Heftromanen schlechterdings unmöglich. Mittlerweile war bei ihm nämlich viel von der naiven Aufgeschlossenheit für spannende Abenteuerliteratur, die er in seiner Jugendzeit besessen hatte, erloschen, dazu hatte er sich, was Stil und Ideenreichtum der Lektüre anbelangte, inzwischen an ein gehobenes Niveau gewöhnt, und nun stolperte er über die zahlreichen Mängel, die ihm beim Lesen immer wieder ins Auge sprangen. Dennoch hielt er tapfer durch, schmökerte mit wechselndem Vergnügen und machte aus der Not eine Tugend, indem er damit begann, die Hefte der Serie Tom Shark regelrecht zu analysieren. Mit einem Artikel, den er für eine Zeitschrift über die Shark-Villa verfaßte, konnte er nunmehr einen bescheidenen Beitrag zur Shark-Forschung leisten, und so kam der Vorschlag von Herrn Lenz nicht überraschend, bei seiner Kenntnis der Materie solle er doch einmal den Versuch wagen, selbst einen Shark zu schreiben. Er ließ sich breitschlagen, sattelte den Pegasus und schaffte es zu seiner eigenen Überraschung, die 64 Seiten einer Detektivgeschichte bis zu deren Ende zu bewältigen. Dieser Band erschien dann als Nr. 581 im Oktober 1997 unter dem Titel „Die drei Magier“. Nun hatte er auf einmal Blut geleckt, der nächste Shark wurde zu Papier gebracht, und so ging das bis heute mit etwa einem halben Dutzend Geschichten pro Jahr weiter.  

Beim Schreiben fühlt sich der neue Pitt Strong der Tradition voll verpflichtet, denn er übernimmt bis ins Detail die typischen Merkmale der Vorkriegshefte, die Charaktere der Gestalten, ihre Eigenarten und Gewohnheiten, die spezifische Atmosphäre also, welche diese Art von Literatur und diese Serie auszeichnet. Andererseits bemüht er sich, Gewaltszenen auf ein unvermeidliches Mindestmaß zu reduzieren. Das ist nicht immer leicht, denn jene Leser, welche die Vorkriegshefte noch gut in Erinnerung haben, möchten alles so vorfinden, wie es einst war, während sich diejenigen, die erst über seine Texte zu den Heftromanen gekommen sind, solide Detektivgeschichten wünschen. Bisher ist es ihm einigermaßen gelungen, beides miteinander in Einklang zu bringen. Das Berlin der Jahre 1928 bis 1932 lebt in diesen Geschichten wieder auf. Alte Straßennamen, im Krieg zerstörte Gebäude, längst verschwundene Lokale und Geschäfte, die Menschen und Ereignisse jener Zeit, alles wird so dargestellt, als hätte der Autor die Texte nicht heute, sondern vor über siebzig Jahren verfaßt. In der typischen Atmosphäre der Weimarer Republik sind die altvertrauten Gestalten nun wieder zum Leben erwacht: der kluge und souveräne Meisterdetektiv und der mitunter begriffsstutzige Schriftsteller, ihr treuer Diener Bill, der schrullige Sanitätsrat Dr. Bürgel, Kommissar Wendler vom Roten Alex und sein oft hochnäsiger Kollege Dr. Kahl, der Antiquitätenhändler Isaak Kornblum, der Gutsbesitzer Heinz von Brendow, Toms Kusine Ulla Bloch, Bankier Woermann…

Shark-Puristen erwarten nicht nur, daß der geistige Inhalt der Geschichten an die gute alte Zeit erinnert, sondern daß sich auch die äußere Form nicht von der jener Jahre unterscheidet. Einer der Zeichner, welcher die Titelblätter der meisten Hefte sowie die Titelvignetten schuf, hieß Vogler. Er arbeitete auch an zahlreichen anderen Publikationen für den Freya-Verlag. Davon ist noch viel Material erhalten, aus dem man neue Titelbilder gestalten konnte. Ab Band 616 wurde dies jedoch zumeist überflüssig, und die Titelbilder erfuhren von da an eine enorme künstlerische Aufwertung. Der Münchner akademische Maler Hans Schütz entwirft seitdem mit dem Zeichenstift Szenen aus den jeweiligen Geschichten mit der ihm eigenen, meisterlichen Virtuosität und gibt den Bildern auf den Umschlägen eine neue, ganz charakteristische Note.

Ein weiteres kommt im Hinblick auf die unverzichtbare Nostalgie hinzu. Bis zu ihrem Verbot im Dritten Reich wurden die Shark-Hefte in Fraktur gedruckt. Diese Schrift schafft wegen der zahlreichen Ligaturen, das sind Buchstabenverbindungen wie ch oder ck, besondere Probleme. Glücklicherweise gibt es einen Frakturkonverter für den PC, der die Microsoftschriften in Fraktur umsetzt, wobei die Ligaturen berücksichtigt werden. Damit kann man einen Schriftsatz ausarbeiten, der mit dem der Vorkriegshefte identisch ist (ab Band 602). Dies alles führt dazu, daß die neuen Abenteuer des Königs der Detektive nicht im Buchhandel, sondern in Läden für Comics und Heftromane unter der Rubrik „Reprints von Vorkriegsheften“ verkauft werden. Sie erscheinen im Verlag Hobby-Nostalgie-Druck Karl Ganzbiller, Föhrengasse 5, A-3434 Wilfersdorf, und können u. a. bei Herrn Alfred Lenz, Am Geist 14, 40885 Ratingen, bezogen werden.

 

Pitt Strong (d. i. Theo Marabini)

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